Wittgensdorf 1813
erschienen in: Heft 6/2013
Wittgensdorf im Jahr 1813
Nachdem sich unser Beitrag aus der vorletzten ( 4.ten ) Ausgabe der Wittgensdorfer Rundschau mit dem Jahr 1913 und dem Besuch des sächsischen Königs Friedrich August III in Wittgensdorf beschäftigt hat, wollen wir heute aus gegebenem Anlass noch einmal weitere hundert Jahre zurückgehen.
1813, das Jahr der Völkerschlacht bei Leipzig, bei welcher die endgültige Niederla- ge Kaiser Napoleons und seiner Armeen eingeleitet wurde.
Wie war Situation? Der Wittgensdorfer Pfarrer Magister Christian Gottlob Schilling schreibt darüber in seinen „Nachrichten über das was sich in Sachsen und besonders in Wittgensdorf mit Morschnitz Denkwürdiges zugetragen hat“ wie folgt: „Im Jahr 1812 zog derselbe (gemeint ist hier Kaiser Napoleon) mit einem Kriegsheer von 400.000 Mann (genauer: 412.000 Soldaten der sog. „Grande Armee“) größtenteils durch Sachsen nach Russland.“
In der Schlacht von Borodino von Feldmarschall Kutosow geschlagen zog Napoleon im Oktober aus Moskau ab. Hunger, Krankheiten und fehlender Nachschub schwächten die Truppen Napoleons weiter, letztendlich wurden sie in der Schlacht an der Beresina endgültig zerschlagen. Nur 40.000 französische Soldaten übertraten im Dezember 1812 lebendig die preußische Grenze. Damit war zwar das Ende der Ära Napoleons eingeläutet; dieser versuchte jedoch unter Aufbietung aller Mittel seine Macht zu erhalten. Es begann damit die Zeit der Befreiungskriege in der die europäischen Völker das Joch der napoleonischen Herrschaft abschüttelten. Viele dieser Schlachten fanden auf dem Gebiet Sachsens statt, welches zu dieser Zeit noch ein wesentlich größeres Territorium besaß. Und ebendiese Schlachten sowie die damit in Verbindung stehenden Truppenbewegungen verursachten tiefe Not und tiefes Leid in der Bevölkerung.
Pfarrer Schilling schreibt hierzu in seiner o.a. „Nachricht …“ folgendes:
„Schon im April 1813 rückten Preußen ins Land, in hiesige Gegend und in Wittgensdorf ein. Diesen folgten Oesterreicher und Russen. Waren die Lasten vorher schon drückend gewesen die wir von den Franzosen erlitten hatten, so waren sie`s nun noch mehr, da die Vorräthe sehr beschränkt waren. Der Einzug der Russen verbreitete allgemeines Schrecken, und besonders deswegen, weil unser König mit dem Kaiser Napoleon noch aliiert war, und unsere Truppen bey dessen Armee sich befanden. Die Zahl der Einquarttirten, im Biwak stehender, täglich und stündlich, oft Tag und Nacht durchmarschirender Krieger, besonders von Oestreichern und Rußen, aller Art, war unzählig. Mit diesen regulairen Truppen wechselten Cosaken, Kirchisen, Baschkiren, wo die Letztern mit ihren Bogen, Pistolen und Spießen so wie durch ihr raues Ansehen und ihrem Anzug, bey den Furchtsamen Schrekken und Entsetzen erregten. Da war die ganze Zeit über des Gebens und Lieferns an Brod, Brandewein, Butter, Eyer, Fleisch, Haber, Heu und dergleichen kein Ende. Einige Bauern allhier verlohren ihre Pferde und auch die wagen bey den Spannungen (gemeint sind hier die sog. Spann- und Fuhrdienste im Auftrag der Truppen ); andern wurden die Pferde von den Cosaken auf den Feldern genommen, so wie auch mir mein bestes. Oft konnte niemand von einem Orte zum andern sicher gehen, ohne zu befürchten, daß ihm seine Kleidungsstücke, Schuhe oder Stiefeln von den Cosaken ausgezogen und entwendet werden möchten, wie es häufig der Fall gewesen ist. Welch schreckensvolle Zeit!!" Nachfolgende kurze Uibersicht, wie viel in den Jahr 1 8 1 3 allhier von Wittgensdorf mit Morschnitz hat geliefert und bezahlt werden müssen, wird ein Beleg seyn, wie unerträglich die Lasten dieser Zeit gewesen sind. 2 Stück Schlachtvieh nach Sorau – 16 Stück Schlachtvieh an die Preussen – 3 Stück Schlachtvieh nach Chemnitz – 3 Stück Schlachtvieh an die Franzosen – 23 Stück Schlachtvieh wurden während der hier im Biwak stehenden Rußl. und oestreichischen Truppen allhier geschlachtet. 230 rh außer diesen an die hiesigen Fleischer für Fleisch bezahlt. 3 Stück Ochsen, desgl. Gänse, Hühner, Eyer Butter ans Bureau nach Zwickau. Korn, Haber, Heu, Butter und Eyer nach Chemnitz, und dieses alle in großen Quantitäten (Mengen). 12 Stück Schafen an die Cosaken.Dieses beträget eine Summe von 14.860 rh.
Ohne was ein jeder Hauswirth allhier sonst noch hat thun und geben müssen welches die obige Summe beyweiten noch übersteigt. Dazu kam noch an K o n t r i b u t i on 5.900 rh.“ (Anmerkung: Das Kürzel „rh“ bezieht sich mit Sicherheit auf die in Sachsen gebräuchliche Geldwährung, den „Reichstaler“)
Die Größenordnung dieser Leistungen möge man sich an der Zahl der Einwohner von Wittgensdorf und Murschnitz verdeutlichen. Pfarrer Schilling schreibt hierzu:
„Jetzt (ca. 1815) sind Einwohner allhier:
- 636 männliche
- 762 weibliche
und in Morschnitz
- 53 männliche
- 49 weibliche
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- 1500 Summa.
Dabei ist mit einiger Sicherheit anzunehmen, dass diese Einwohnerzahl ähnlich der in den Jahren 1812/13 war. Eine weitere wichtige Quelle zu den Vorgängen in dieser Zeit stellt die sog. Riedel – Richtersche Chronik dar. Diese liegt dem Heimatverein Wittgensdorf im Original vor. Wir zitieren jedoch aus einer handschriftlichen Abschrift des Kirchenbuchführers Arno Hempel aus dem Jahre 1942. Auszugsweise die Abschnitte die speziell unseren Ort betreffen.
- 1813 Im Monat Jan. musste Wittgensdorf 7 Mann Reckruten stellen.
- Im Monat März musste Wittgensdorf 3 Mann Reckruten stellen.
- Vom 4ten bis 7ten April standen preuß. Uhlanen und oestreich. Artillerie mit 2 Kanonen hier in Quartier.
- Vom 21. bis 23. April stand ein Detachement russ. Kavallerie hier in Quartier.
- Vom 25. bis 29. April stand ein Detachement vom 22 russ. Infant. Regiment hier in Quartier.
- Den 7. Mai kam eine Abteilung frnz. Truppen hier an, welche 300 Brot und 2 Ochsen erhalten mussten.
- Den 8ten Mai kamen wieder Franzosen hier an, welche 2 Kühe und vieles Brot erhalten mussten.
- Den 11. Mai ward ein bairischer Soldat jenseits der Preussen in der Kühnhaide erhängt gefunden und auf der Stelle begraben.
- Den 27. Juni musste Wittgensdorf 72 Carpi in die Spitäler liefern. Den 2ten Juli 36 in der nehmlichen Art.
- Am 8. Juli musste Wittgensdorf bei der Recrutierung 5 Mann stellen.
- Den 26. Sept. sind in Burkersdorf bei Burgstädt zwonz (zwanzig) Bauerngüter in Brand gesteckt worden von fremden Kriegstruppen wo Haus und Hof und alles Vieh elendiglich verkommen musste.
- Den 30. Sept. Rückte ein oestreich. Hussaren Piket hier ein welches sich aber tägl. vermehrte mit Kosaken, das Hauptpiket hinter dem Hofgarten (Anmerkung: Der Hofgarten war Teil des vom „Kunstgärtner“ Quinger (um 1700) im Auftrag des damaligen Rittergutsbesitzers ange-legten Parks vom Rittergut bis zur Röhrsdorfer Straße. Dieser wurde jedoch nie fertig gestellt. Auch die berühmte „Hofeiche“ stand dort bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die Lage des Hofgartens lässt sich wie folgt beschreiben: An der Röhrsdorfer Straße links ca. 200 m hinter dem Manometerwerk in Richtung Röhrsdorf) und noch 7 Nebenpiket standen auf den Wittgensdorfer Höhen herum.
- Den 11. Okt. ward in Wittgensdorf und Röhrsdorf geplündert wo der Bauer Gerstenberger in Röhrsdorf von den Soldaten erschossen wurde. Vom Monat Sept. bis Monat Dezember hat Einquartierung und Durchmarsche nicht ausgesetzt. Spannen und hielfern war tägl. daß Wittgensdorf nach dem Krieg eine Schuld von 3000 Talern zu bezahlen hat.
Die anderen Eintragungen befassen sich mit den schon o.a. Schlachten der Befeiungskriege, so. z.B.: bei Lützen, bei Bautzen, bei Großbeeren, bei Dresden, bei Kulm oder bei Jüderbog.
Abschließend wollen wir noch auf die gesundheitlichen Auswirkungen der der Bevölkerung sowie den Angehörigen der verschiedenen militärischen Formationen zugefügten Leiden und Nöte eingehen.
Pfarrer Schilling schreibt hierzu in seinen „Nachrichten…":
„So gieng es bis zur Schlacht bey Leipzig den 18. Oktober d.J. – Nun sah man der Blessierten und Verstümmelten in Menge, und bald darauf verbreitete sich allenthalben das Nerven- oder Lazarethfieber, wo denn hier sehr Viele damit befallen wurden, und 19 daran starben, die, laut Befehl, früh in aller Stille beerdigt geworden, die ich aber alle zu ihren Gräbern begleitet habe.“
In der Riedel – Richterchen Chronik wird dazu folgendes berichtet:
„Nach dem Ausmarsch der Franzosen aus Dresden verbreitete sich im ganzen Lande Siechen und Sterben, selbst hier in Wittgensdorf sind gegen 30 Personen an diesem Fieber gestorben. Man nannte es das Nervenfieber, es fing sich mit Frost und Kopfschmerz an, benahm den Menschen den Verstand, und in wenigen Tagen beförderte es in den Tod.“


Teilkopie aus der Abschrift der Riedel – Richterschen Chronik durch Arno Hempel Kirchenbuchführer der Kirchgemeinde Wittgensdorf, 1942
Dieser Beitrag soll uns erinnern an die unsäglichen Leiden und Nöte welche die Bevölkerung Sachsen und hier im speziellen Fall die Einwohnerschaft von Wittgensdorf mit Murschnitz vor, während und nach der Völkerschlacht bei Leipzig und den Befreiungsschlachten der Völker Europas auf dem Territorium des Königreiches Sachsen zu erleiden hatte.
Auch noch im Jahr 1814 zogen durch Sachsen viele Truppenteile der Russen, Preußen u.a auf dem Hin- bzw. Rückmarsch nach und von Frankreich. Hiervon war auch Wittgensdorf mit Einquartierungen und Versorgung stark betroffen. Erst im Jahr 1815 kam Sachsen mit der Rückkehr des Königs aus preußischer Gefangenschaft etwas zur Ruhe und es begann eine Zeit des relativen Aufschwungs und Wohlstands für alle Teile der Bevölkerung.
Dietmar Esche / Ullrich Nier
Heimatverein Wittgensdorf