Schulgeschichte
erschienen in: Heft 5/2014
Ein Beitrag zur Schulgeschichte von Wittgensdorf
Anlässlich des 125. Jahrestages der Einweihung des Wittgensdorfer Schulgebäudes ( Errichtet von 1888 bis 1889 ) wollen wir uns in diesem Beitrag mit der Geschichte des Schulwesens in Wittgensdorf befassen. Begonnen hat die Geschichte der Volksschulen in Sachsen mit einem Sendschreiben Martin Luthers an die Landesherren, "dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" und zwar andere als die Lateinschulen, die er Eselställe nennt und die nur für künftige Gelehrte und Herrensöhne geschaffen waren. Dieses Schreiben löst allgemein die Gründung der Volksschulen auch auf den Dörfern aus. Für Wittgensdorf wird 1608 erstmalig in [1] Seite 40 ein Lehrer benannt, David Wiedmann . In der Sächsischen Kirchengalerie von 1903 lesen wir von Julius Wilhelm Frommhold, Pfarrer zu Wittgensdorf, folgende Zeilen [2]:

Die älteste Schule war eine sog. "Winterschule" nur für Knaben, die Mädchen arbeiteten im Haushalt. Im Sommer waren Kinder und Lehrer voll in der Landwirtschaft beschäftigt. Im Jahr 1769 erschien das sogenannte "Landschulreglement" für die Durchführung der allgemeinen Schulpflicht vom 5. bis zum 14. Lebensjahr, täglich 6 Stunden, keine Versäumnisse, jährlich nur 4 Wochen Ernteferien; Schulbücher wurden verbindlich und die Leistungen der Kinder mussten registriert werden. Diese hochgesteckten Ziele scheiterten damals am Raum-, Lehrer- und Geldmangel. Noch 1835 steht für 300 Wittgensdorfer Schulkinder nur ein Raum zur Verfügung - die Kirchschule in der Gartenecke des heutigen Kantorats (Pfeil) [1] Seite 40 f.

Im Vordergrund die spätere Gaststätte "Felsenkeller". Eine weitere Ansicht zeigt ebenfalls die alte Kirchenschule, gut zu sehen sind hier das Rittergut und die Pfarrei - links im Bild.

Diese missliche Situation wurde noch durch weitere durch den Lehrer der Kirchschule zu erledigende Aufgaben verschärft. Der Schulmeister war nämlich gleichzeitig Kantor, Glöckner, Kirchendiener, Totengräber und Pfarrgärtner. Der o.a. Lehrer Adam Heinrich Gottlebe zum Beispiel half in seiner 45 -jährigen Dienstzeit bei der Beerdigung von 1369 Verstorbenen. Hinzu kam noch, dass der Lehrer von Tür zu Tür gehen musste, um sein Schulgeld ( 6 Pfg. pro Woche und Kind, 1809 ) und seine Naturaleinkünfte ( Brot, Getreide usw. ) einzutreiben. Erst nach 1870 wurde der Lehrer von der Glöcknerpflicht entbunden, die anderen Ämter hatte er schon früher aufgeben können. Eine wesentliche Besserung der Situation verbunden mit einer deutlichen Erhöhung des Ansehens des Lehrerstandes brachte der Erlass der Regierung über die "Regulierung der Gehälter" (der Lehrer) [1] S. 40 f. Über die räumliche Situation der Schule lesen wir in [3] folgende Zeilen:

Das im Jahr 1837 gemietete "zweites Lokal" ist ein Raum in einem Strumpfwirkerhäuschen am Standort unseres jetzigen Rathauses. An gleicher Stelle schreibt Ackermann folgende Zeilen:

Dieser Neubau wurde aber erst im Jahr 1866 mit dem Neubau des neuen Schulgebäudes ( 4 Schulstuben und eine Lehrerwohnung ) realisiert. Es entsprach aber schon bei seiner Einweihung nicht den eben erlassenen Schulhygienegesetzen und wurde nur übergangsweise zugelassen. 
Obwohl 1883 mit dem Bau des heutigen Kantoratsgebäudes ein weiteres großes Unterrichtszimmer entstand, herrschte für die mittlerweile 600 - 700 Kinder größte Schulraumnot.

Angemietete Räume im Rittergut, im Bergschlößchen, beim Schuhmacher Kühn und in der Hoffmannschen Spinnerei ( Untere Hauptstraße 165 ) linderten diesen Zustand nur teilweise. Nach vielen streitvollen Gemeindesitzungen wird 1888 der Grundstein unserer heutigen Schule gelegt. Am 26. August 1889 wird das Schulhaus bezogen und eingeweiht. Es hat 12 Zimmer und erhält 6 weitere Zimmer durch den Anbau des Südflügels im Jahr 1902.

Das Schulhaus einschließlich Außengelände bestand in dieser Form bis Anfang der 1950er Jahre.
In [4] lesen wir über die Zeit nach 1945 in einem Interview mit dem ehemaligen Schuldirektor von 1968 - 1987, Helmut Hofmann zum weiteren Aus-, Um-, An- und Neubau unserer Schule folgende Zeilen (gekürzte Darstellung !!):
- 1946 - Januar, Einführung der Schulspeisung
- 1950 - Neugestaltung des Schulberges, Anlage des zweiten Zugangs
- 1960 - Verlegung Schulküche ins Bergschlösschen
- 1962 - Verlegung der Schulküche, -speisung in die Fabrikstraße, Einrichtung des Schulhortes am selben Ort
- 1968 - Einrichtung Polytechn. Zentrum in der ehem. Färberei Ihle, Obere Hauptstraße 112

- 1969 - Abbruch des hinteren Vorhäuschens, Anbau neuer Sanitäranlagen, Inbetriebnahme 1971
- 1971 - Neugestaltung Schulwiese und Schulhof (Aufschüttung)
- 1972 - Abriss der alten Abortanlage ( "Letztes Paradies" ), Neubau Fahrrad- und Mopedschuppen
- 1974 - Umbau der Aula in einen Festsaal, Modernisierung Chemie-/ Physikkabinet
- 1975- Generalreparatur Schuldach, Abriss der Dachgaube für die Schuluhr und Verkauf derselben für 500 DDR- Mark
- 1975 - Modernisierung aller Schulzimmer, alle erhalten Fernseher Schuljahr 1975/76 Die Schule erhält den Namen „Hans Beimler“.
- 1976 - Generalüberholung Schulhort
- 1979 - Neugestaltung Treppenhaus
- 1983 - Inbetriebnahme Schulerweiterungsbau mit 6 Klassenzimmern, 1 Lehrerzimmer, 2 Werkräumen, 1 Mehrzweckraum, 1 Haus- meisterwohnung. Durch den Bau der Harlass-Gießerei im Oberdorf und den damit verbundenen Wohnungsbau an der Rudolf-Harlass-Straße hatte sich die Schülerzahl sprunghaft erhöht.
- 1986 - Einbau einer neuen Heizungsanlage im Schulgebäude.
Schulbildung nach 1990
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 wurde das Bildungssystem völlig neu gestaltet – polytechnischen Unterricht in dieser Form gibt es nicht mehr. Dieser Unterricht wird in den heutigen Oberschulen durch das Fach W T H ( Wirtschaft, Technik, Haushalt und Soziales ) ersetzt. Erhalten geblieben ist der Werkunterricht.
Der neue Schultyp Sachsens wurde die Mittelschule. Sie bot den Schülern die Möglichkeit, nach der 9. Klasse die Schule mit dem Hauptschulabschluss zu beenden oder nach der Klasse 10 den Realschulabschluss abzulegen.
Im Jahr 1998 bekamen die Wittgensdorfer Schulen den Namen „Kirchner-Schulen“.

Theodor Kirchner: Damit ehrte unser Dorf den Komponisten und Pianisten Theodor Kirchner, der 1823 in Neukirchen geboren wurde. Drei Jahre später zog seine Familie nach Wittgensdorf, weil der Vater, Johann Kirchner, das Amt des Kirchschullehrers hier antrat. Theodor Kirchner lebte bis 1903.
Ständig sinkende Schülerzahlen in den 1990iger Jahren stellten die Existenz Im Schuljahr 2002/03 wechselten die Röhrsdorfer Mittelschüler deshalb nach Wittgensdorf. Denn auch ihrer Schule drohte die Schließung. Es gelang trotz der Zusammenlegung der beiden Schulen nicht, die erforderlichen Schülerzahlen für den Betrieb einer Mittelschule dauerhaft zu erreichen.
2007 schloss die Kirchner-Mittelschule für immer ihre Türen...
In den Folgejahren wurde das alte Schulgebäude grundlegend saniert und renoviert. Am 29.11.2013 wurde es mit einem kleinen Weihnachtsmarkt und einem Programm an die Grundschule übergeben. Viele Angebote zum Basteln, Gestalten und Mitmachen wurden gezeigt. Ein gelungener Start für ein gelungenes Schulgebäude.
Abschließend möchten wir uns noch mit den so "außerschulischen Aktivitäten" beschäftigen. Diese werden mit Sicherheit noch viele ehemalige Schüler in Erinnerung haben, gut oder nicht so gut, das muss jeder für sich selbst beurteilen. Eine Erwähnung verdienen sie auf jeden Fall.
Neben dem planmäßigen Unterricht gab es auch zahlreiche Möglichkeiten für die Jungen und Mädchen in einer Arbeitsgemeinschaft ihrem Hobby nachzugehen, zum Beispiel in der AG Junge Imker, der AG Handball, der AG Kunsterziehung, der AG Leichtathletik, der AG Briefmarkensammler, im Schulchor und andere.
Der Schulchor Wittgensdorf brachte es unter seiner Leiterin, der Musiklehrerin Frau Ursula Müller, zu großem Ansehen. Mehrmals bekamen die jungen Sängerinnen und Sänger für ihre herausragenden Leistungen Auszeichnungen. Mit viel Geduld, musikalischem Können und großem Zeitaufwand leitete Frau Müller den Schulchor von 1964 – 2005. Höhepunkte im Chorschaffen waren sicher die gemeinsamen Konzerte mit dem Städtischen Kinderchor aus Prerov/Tschechien und öffentliche in Veranstaltungen mit dem Volkschor und den Kirchenchören Wittgensdorf, jeweils am 3. Advent. Auch zu den Schulentlassungsfeiern sorgte der Chor immer für eine festliche Umrahmung.

Bemerkenswert sind auch die Arbeiten der AG Kunsterziehung. Unter Anleitung des Lehrers Hans-Jörg Harzdorf entstanden drei große Bilder, die viele Jahre Räumlichkeiten der Schule schmückten. Das bekannteste war das Bild in der Aula. Gemalt wurde es im Schuljahr 1973/74. Viele Besucher der Wittgensdorfer Schule bewunderten das von Schülern geschaffene Kunstwerk. Heute befindet sich dieses Bild im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6.

Die beiden kleineren Bilder hingen bis zur Schließung der Mittelschule in den Räumen der Schulleitung. Sie wurden dem Kultur- und Heimatverein übergeben und können in der Heimatstube besichtigt werden.


Ähnlich große Erfolge konnten auch die Schüler der Sport Arbeitsgemeinschaften verbuchen. Die AG Handball, geleitet 1981 bis 2005 von Sportlehrer Andreas Frenzel, gewann viele Pokale für die Wittgensdorfer Schule. Sie nahm auch erfolgreich an Kreis- und Bezirksmeisterschaften teil. Im Schuljahr 1990/91 zum Beispiel belegte die Altersgruppe der 11 – 12 Jährigen den 3. Platz bei den Deutschen Meisterschaften/ Ost. Ein Jahr später waren die 13 – 14 Jährigen an einem Internationalen Turnier in Most dabei.
Sehr erfolgreich waren auch die Mädchen und Jungen der AG Leichtathletik. Unter der Leitung ihrer Trainer, Inge und Hans Thomä sowie Christian Winkler, errangen sie von der 11. bis 20. Kreis- Kinderund Jugendspartakiade viele Siege, zweite und dritte Plätze. Zu den herausragenden Sportlerpersönlichkeiten in dieser Zeit gehörte zweifellos Ute Enge. Sie gewann zum Beispiel Medaillen im Weitsprung, Hochsprung, Ballweitwurf und im 4x50m Staffellauf. Die Mädchenstaffel Enge/Rudolph/Krappitz/Dittmann stellte Rekordzeiten auf, die mehrere Jahre Bestand hatten. Auch die Jungen-Staffel Irmscher/Tietze/Winkler/Heege ließ die Konkurrenten hinter sich und belegte den ersten Platz.



In den Jahren von 1975 bis 1999 wurde für die Kinder der 2. Klassen jeweils während der beiden ersten Wochen der Sommerferien ein Schwimmlager im Freibad durchgeführt. Ähnliche Aktivitäten werden heute durch Ganztagsangebote realisiert. So z.B.: die AG Technik, Musikschule Fröhlich und viele andere.
Rena Fritzsche, Ullrich Nier
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf
Quellen:
[1] - 700 Jahre Wittgensdorf, Aus der Geschichte unseres Heimatortes, Rat der Gemeinde Wittgensdorf, 1956
[2] - Neue Sächsische Kirchengalerie, Die Ephorien Chemnitz I und II, Die Parochie Wittgensdorf Seiten 1189 ff, Leipzig 1903
[3] - Sachsens Kirchen-Galerie, Das Kirchendorf Wittgensdorf von Magister Fr. Aug. Ludwig Ackermann, Seiten 157 ff, Dresden
[4] - Wittgensdorf DAS BUCH , S. 25 ff "Die modernste Schule des Kreises...", Interview mit Helmut Hofmann, Hrsg. Regenbogenbus e.V., Wittgensdorf 2004