Historische Gebäude – 1
erschienen in: Heft 4/2021
Historische Gebäude in Wittgensdorf
Ein Beitrag zur Ortsgeschichte
Aus gegebenem Anlass unterbrechen wir vorerst einmal die Bearbeitung zur Geschichte der Kirche unseres Heimatortes und wenden uns zwischenzeitlich der Vorstellung historischer Gebäude auf der Grundlage der schon veröffentlichten „Historischen Ortstafeln“ zu. Wie wir von vielen Einwohnern unseres Heimatortes erfahren konnten, werden diese Tafeln als sehr interessante Informationsquellen war genommen. Nicht zuletzt deshalb haben wir uns entschlossen, die auf den Tafeln vorgestellten Gebäude und Orte noch etwas ausführlicher zu behandeln, da die dort enthaltenen 12 Textzeilen doch nur einem sehr groben Überblick darstellen. Darüber hinaus werden wir, wie schon inoffiziell angekündigt, in so genannten „Ortsumgängen“ mit interessierten Bürgern die einzelnen Standorte der Tafeln besuchen und dabei weitere Details und Informationen besprechen. Dabei sollen zur Unterstützung dieser Veranstaltungen jedem Teilnehmer für die besuchten Objekte diese Informationen in Form einer kleinen Broschüre ausgehändigt werden. Darüber hinaus gehende Anwendungen zur Erhöhung der touristischen Attraktivität unseres Heimatortes im Zuge der Aktivitäten des Zuschlages von Chemnitz zur Kulturhauptstadt C2025.
Rathaus
Doch wenden wir uns nun unserem ersten Objekt zu, dem „Ersten Haus am Platze“, unserem Rathaus.
Die Geschichte dieses Platzes reicht weit zurück. In der Festschrift zum 100jährigen Bestehens unserer Schule, verfasst von Herrn Oberstudienrat Helmut Hofmann können wir lesen:
1837
Wurde ein Raum in einem kleinen Häuschen gemietet, das an der Stelle des heutigen Rathauses stand. Ch. Friedrich Richter schreibt dazu in seinen „Merkwürdigen Begebenheiten“ zum Jahr 1837: „Den 29. November wurde der neue Schullehrer H. Weisbach mit seinen Klassen in das gemiethete Schullocal feierlich eingewiesen“. In der Schrift „Sachsens Kirchen-Galerie“ Band 8, lesen wir von Pastor Mag. F. A. Ludwig Ackermann: „Im Jahre 1843 soll der Bau eines neuen Schulhauses angegriffen werden“. Diese Idee zog sich allerding noch bis 1865 hin. Die Gemeinde erwarb allerding schon 1846 das Grundstück Rathausplatz 1 von Frau Natalie Erdmute verw. Stelzmann zum Bau eines Schulgebäudes“. In der Kirchenchronik No. 468 hinterlässt Pfarrer Lohmann dazu folgende Zeilen:
1865
Am Ende des Jahres wurde der Schulhausbau allen Ernstes angeregt und nachdem die Differenzen geschlichtet waren, wurde der Bau beschlossen.
1866
Der Schulbau wurde ausgeführt auf der Stelle der alten Schule, welche der Baumeister Reichenbach aus Grumbach für 500 Taler zum Abbrechen übernahm. Am 23. Oktober wurde die neuerbaute Schule geweiht. Die Schulinspektion übernahm sie indessen noch nicht, weil sie einzelne Mängel entdeckte. Am 25. Oktober wurde zum ersten Male in 3 Klassen Schule gehalten.
Das nachstehende Foto zeigt das Gebäude mit offensichtlichem Schulbetrieb. Die Aufnahme entstand NACH dem Jahr 1886, denn die „Wohnhäuser im Schweitzerstyl“ Kirchweg 7 u. 9 wurden erst 1886 erbaut.

1889
Nach der Eröffnung der neuen Zentralschule am 26.August 1889 wurden die hier genutzten Schulräume aufgegeben und die Gemeinde mietete das Obergeschoss für die Gemeindeverwaltung. Ein Foto (vor 1900[?]) zur Amtszeit von P. Iwan Heinzius (Gemeindevorsteher von 1887 – 1916), zeigt die damalige Verwaltung.

1890
Im Jahr 1890 wurde im Haus eine Gaststätte, der „Ratskeller“ eingerichtet. Dafür waren umfangreiche Baumaßnahmen – Einrichtung eines Küchentraktes, Schaffung von Lager- und Sanitärräumen etc. – notwendig. Im nachstehenden Foto sehen wir das Gebäude im ziemlich desolaten Zustand. (ca. 1902)

1921
Im Jahr 1921 wird die Gemeinde Wittgensdorf schließlich Eigentümer der gesamten Immobilie. In einem Beitrag im „Wittgensdorfer Wochenblatt“ vom 20.1.1933 können wir dazu lesen:

1934
Schon in der Ausgabe vom 25.04.1934 wird über eine Instandsetzung des Gebäudes berichtet. Bemerkenswert ist hier auch die „Schaffung eines Balkons für besondere Anlässe unmittelbar über dem Eingang“

Damit erhielt unser Rathaus sein noch vielen Einwohnern bekanntes Aussehen.

In der Zeit von 1934 bis 2008 waren im Rathaus die verschiedensten Nutzer angesiedelt. Es war u.a Sitz des Bürgermeisters und des Standesamtes. Auch das Polizeirevier Wittgensdorf hatte hier seine Räume. Nach dessen Auflösung zog die Gemeindebücherei hier ein und last but not least beheimatete es den Kultur- und Heimatverein mit seiner Heimatstube.
Nach der Eingemeindung unseres Heimatortes, hinfort als Ortsteil von Chemnitz benannt, kam es im Jahr 2008 auf Grund des dringenden Sanierungsbedarfes zu einer umfassenden Rekonstruktion des Gebäudes. Dabei wurden Bauschäden beseitigt und die gesamte Bausubstanz ertüchtigt. Die Dachkonstruktion musste komplett erneuert werden, die Außenwände erhielten eine Wärmedämmung, im ganzen Gebäude wurden neue Fenster eingebaut, neue Türen innen und außen, eine neue Heizungs-, Elektro- und Sanitäranlage machten das Vorhaben komplett.
2010
Bauzustand ca. 2010

Heutiger Zustand

Heute ist unser Rathaus der Sitz des Ortschaftsrates und des Ortsvorstehers sowie das Domizil der Heimatstube des KHV Wittgensdorf. Im Erdgeschoss hat die Stadtteilbibliothek ihre Räume und in 1.OG steht ein großer Versammlungsraum dem Ortschaftrat und dem Kultur- und Heimatverein (bei Bedarf auch anderen örtlichen Nutzern nach Anmeldung) zur Verfügung.
Leider wurde bei der Erneuerung des Daches das markante Türmchen mit der Rathausglocke nicht wieder aufgesetzt. Die diese befindet sich im Vorraum der Heimatstube und soll bald wieder zur Demonstration ein Schlagwerk erhalten.
Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr
Wenden wir uns nun dem zweiten historischen Gebäude, dem Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr zu.
1874
Die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Wittgensdorf erfolgte im Jahr 1874. Auf Grund der Zughörigkeit von Murschnitz zu Wittgensdorf gab es neben der I. Kompanie in Wittgensdorf noch eine II. Kompanie in Murschnitz. Hinzu kam noch die „Freiwillige Fabrikfeuerwehr E.R. Häberle“. Von der II. Kompanie Murschnitz und von der FFW E.R.Häberle gibt es keine Aufnahmen von deren Örtlichkeiten, jedoch steht uns von der I. Kompanie aus den Jahren um 1900 eine Fotomontage von Otto Kühn Fotograf. Atelier, Chemnitz, Planitzstraße 90 zur Verfügung.

Wir sehen darauf den sog. Steigerturm und hinter der versammelten Mannschaft eine Wagenremise. Davor eine Handpumpe auf einem Pferdewagen montiert und rechst daneben ein Leiterwagen mit ausgezogener Leiter. Diese Gebäude nutzten die Kameraden der FFW bis in das Jahr 1935.
1935
In einem Artikel des Wittgensdorfer Wochenblattes vom 05.10.1935 zur Weihe des neuen Feuerwehrgerätehauses lesen wir dazu folgende Zeilen: „Als im Vorjahr (Anm. d. Verf.: 1934) der Rathausplatz durch die Erneuerung des alten Rathauses seine erste bauliche Veränderung erfuhr, und dadurch die alten unschönen Formen des Spritzenhauses ganz besonders hervortraten, wurde der langjährige Wunsch der Feuerwehr , ein neues Gerätehaus zu bauen, immer und immer wieder angeregt“. Schon am 07.05.1935 erfolgte die Grundsteinlegung und am 29.09.1935 konnte das fertige Gebäude mit Vorplatz und Nebenobjekten eingeweiht werden. Ein Foto vom gleichzeitig gefeierten 60jährigen Bestehens der FF Wittgensdorf zeigt einen Teil des neuen Gerätehauses nebst den Verbindungsbauten zum Rathaus.

Das nachstehende Foto zeigt uns den Neubau komplett.

2004
Doch auch dieses Gebäude genügte im Laufe der Jahre nicht mehr den gestiegenen Anforderungen hinsichtlich Technik, Ausstattung, gestiegener Mannschaftsstärke etc. Die Kameraden der FWW waren zwar durch ihre Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft stets zu 100% auf der Höhe aller Anforderungen, jedoch wurde es mit zunehmender Zeit immer anstrengender, das erforderliche Niveau zu halten. Im Jahr 2002 wurde das alte Gebäude bis auf den Steigerturm abgebrochen und ein Neubau errichtet. Am 27.06.2004 konnte dann das neue Gerätehaus mit der damals modernsten Ausstattung mit einem Tanzabend für Jedermann eröffnet werden. Die „Freie Presse“ veröffentlicht dazu den nachstehenden Artikel:

Interessant an diesem Bauvorhaben ist die Tatsache, dass der 1935 erbaute Steigerturm mit in den Neubau des Gerätehauses integriert werden konnte und auch künftig ein Wahrzeichen von Wittgensdorf darstellt.
Kantorat
Gehen wir nun den Kirchweg etwas weiter hinauf und kommen, nachdem wir die Ruine des „Felsenkellers“ passiert haben, zum Kantorat, unserem dritten Gebäude.
1882
Dieses Gebäude, errichtet als Nachfolger der alten Kirchschule wurde in den Jahren 1882/83 als neue Kirchschule errichtet.
1883
Am 24. 09.1883 wurde die neue Kirchschule geweiht. Dier Schulinspektion übernahm den Bau, der Schulrat Saupe hielt die Weiherede und Pfarrer Lohmann verrichtete das Gebet. Am Nachmittag gab es ein Festessen im oberen Gasthof. Die Schule wurde dann vom Kantor und dem 4. Lehrer bezogen.
1889
Im Jahr 1889 verlor die Kirchschule mit dem Neubau der Zentralschule ihre Funktion. Die nun frei gewordenen beiden Schulzimmer im Erdgeschoss wurden zur Wohnung für den Herrn Schuldirektor Wienold umgebaut.
Zur ersten Kirchschule lesen wir in der Kirchen-Galerie Sachsens, Achte Ausgabe folgende Zeilen von Pfarrer Mag. Fr. Aug. Ludwig Ackermann (Pfarrer in Wittgensdorf von 1837 bis 1858):

Das nachstehende Bild aus demselben Werk zeigt die alte Kirchschule vor der Kirche.

Über die misslichen Zustände hinsichtlich der verfügbaren Schulzimmer bei einer immer größer werdenden Schülerzahl wurde schon in der RW 5/2014 berichtet und soll deshalb nicht noch einmal behandelt werden.
In der Kirchenchronik No. 468 schreibt Pfarrer Aug. Heinrich Lohmann für das Jahr 1882 zum Bauvorhaben:
„Die Kirchschule war baufällig geworden und man musste sich zum Neubau entschließen. Nach langem hin- und herschreiben und Berichten wurde endlich der Neubau dem hiesigen Architecten Schenke überlassen, dessen Berechnung sich auf 30.700 M. beliefen. Im October wurde das alte Haus abgetragen. Vom Rittergutsgarten wurde eine Fläche von 20 Qudratruten (370 m²) erworben, um der großen Höhe der Mauer zu entgehen, die stattgefunden haben würde an der nordöstlichen Seite, wenn das Haus auf die alte Stelle hätte kommen müssen“.
1935
Nachdem die Kirchgemeinde im Jahr 1935 das nunmehr alte Schulgebäude von der Gemeinde erworben hatte, standen wieder Umbauarbeiten ins Haus. Die Kirchgemeinde ließ die linksseitigen Wohnräume zum Kantoratssaal umbauen. Im Wittgensdorfer Wochenblatt erschien dazu am 05.10.1935 folgender Artikel:

Allerdings musste zum Kirchweg eine Schwerlastmauer betoniert werden. Diese ist nach einer Untersuchung durch einen Gutachter auch heute noch voll funktionsfähig und verrichtet trotz vohandener oberflächlicher Schäden zu vollsten Zufriedenheit ihren Dienst. Zum Erwerb der o.a. 20 Quadratruten vom Grund und Boden des Rittergutes ist noch zu bemerken, dass auf Verlangen des damaligen Rittergutsherren Friedrich Rolle eine Begrenzungsmauer zwischen dem Grundstücken der Kirchschule und des Rittergutes errichtet werden musste. In diese Begrenzungsmauer wurde ein aus katholischer Zeit noch vorhandener Weihwasserkessel eingebaut.

2015
Kantorat, Zustand nach 2015

Seine Funktion, wenn auch im modernisierten Zustand mit neuen Sanitäranlagen und Zentralheizung erfüllt das Kantorat auch zum heutigen Zeitpunkt noch und soll es auch noch lange wahrnehmen.
Mit diesem vorerst dritten Objekt möchten wir unseren Artikel abschließen. In der nächsten Ausarbeitung befassen wir uns mit den Tafeln an den Orten:
- Eingang Kirchhof
- Eingang ehem. Rittergut, Kirchweg 8
- Ehem. Textil-Konsum, Kirchweg 5
Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.