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Handwerk und Industrie – 3

erschienen in: Heft 6/2014

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Die Entwicklung von Handwerk und Industrie in Wittgensdorf, Teil 3
Im dritten und vorerst letzten Teil unserer Beitragsreihe zur Entwicklung von
Handwerk und Industrie in Wittgensdorf wollen wir uns abschließend mit der Bildung
des größten Industriebetriebes unseres Heimatortes befassen.
Nach dem Zusammenbruch des III. Reiches mit der Kapitulation am 08.05.1945 kam es
im Osten Deutschlands in der Sowjetisch besetzten Zone ( SBZ ) zur Enteignung von
Großbetrieben. Besonders Betriebe der Rüstungsindustrie (Fa. Richard
Steinbach - Herstellung von Unterwäsche für die Wehrmacht), Betriebe mit engen
Verbindungen zur NS-Organisationen (Fa. Reinhold Häberle, aktive Unterstützung
der NSDAP und der SS) sowie Betriebe ab einer bestimmten Betriebsgröße (Fa.
Bernhard Röser) wurden enteignet und vorerst als selbständige Betriebe unter der
Aufsicht der SMAD weitergeführt. Dabei ist jedoch zu bemerken, dass diese
Vorgehensweise zeitlich recht unterschiedlich war. Während Dr. Reinhold Häberle auf
Grund seiner aktiven Mitgliedschaft in der NSDAP und publik gewordener
unerlaubter Geschäfte von der Antifa am 19.10.45 kurzerhand emittiert wurde und vor
dem Eintreffen der Roten Armee in Wittgensdorf noch seine Villa beräumte und sich
mit seiner Familie in Richtung Westen absetzte, bemühten sich die Herren
Steinbach, die zu keiner Zeit einer NS-Organisation angehört hatten um die
Wiederaufnahme der Produktion. Die Firma Bernhard Röser wurde schon 1946
enteignet und Frau Röser musste mit ihren Kindern zu ihren Vater Dr. med.
Hachenberger, Chemnitzer Straße 6 ziehen. Im Jahr 1949 verließen sie den Osten
Deutschlands. Als Rudolf Röser aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, fand er
Fabrik und Villa enteignet vor.
In den folgenden Ausführungen wollen wir die zeitliche Entwicklung behandeln und
zugehörige wichtige oder auch nur erzählenswerte Ereignisse darstellen. Dazu
stehen uns als eine zeitgenössische Quelle die "Aufzeichnungen über Entstehung
und Entwicklung des VEB Trikotex von 1945 - 1962" (Sammlung Heimatstube) von
Walter Uhlig (Ortschronist von Wittgensdorf bis 1973) zur Verfügung.
14.04.1945
Einmarsch der US-Armee in Wittgensdorf von Burgstädt kommend in
das Ober- und Mitteldorf. Die Rote Armee erreicht von Osten kommend
das Unterdorf. Danach zogen beide Armeen ihre Einheiten wieder bis
an die Ortsgrenzen zurück.
15.06.1945
Machtübernahme durch die Rote Armee gem. Potsdamer Abkommen.
26.05.1945
Die Fa. Steinbach verhandelt wegen dringend benötigter Kohlelieferung
mit der Steinkohlenzeche in Lugau. Auf Grund der noch nicht voll
angelaufenen Förderung werden aber nur Eltwerke und Gasanstalten mit
Kohle beliefert.
29.06.1945
Bildung des Betriebsausschusses bei der Fa. Steinbach. Er besteht
aus einem Vorsitzenden, einem Stellvertreter, einem Schriftführer und
sechs weiteren Mitgliedern
12.07.1945
Die erste Kohlelieferung aus Lugau trifft bei der Fa.Steinbach ein
19.07.1945
Wiederaufnahme der Produktion bei der Fa. G.A. Steinbach. Im August
war die Belegschaft schon auf 223 Arbeiter, 31 Angestellte und 108
Heimarbeiter angewachsen). Der Betriebsausschuss verabschiedet
eine Resolution zur Einziehung der großen Landbesitztümer die sich in
der Hand der hiesigen Industriellen befinden.
19.10.1945
Exmittierung Dr. Reinhold Häberle, der Betrieb wird durch die Antifa
unter Kuratel gestellt
1946
Enteignung der Fa. Bernhard Röser
12.07.1946
Entscheidung des Betriebsausschusses über die Enteignung der Fa.
G.A. Steinbach und Überführung in Volkseigentum. Zum neuen
Betriebsleiter wurde Herr Helmut Schröter gewählt.
Einen großen Teil der Produktion mussten als sog. Reparationsleistung
abgeführt werden. Dazu wurden die Transportkisten von der Reichsbahn
zusammen mit den Lieferungen anderer Betrieben in speziellen Zügen
nach Berlin - Weißensee gefahren. Die liefernden Betriebe hatten dazu
für ihre Wagons Betriebsangehörige zur Bewachung abzustellen, die den
Transport bis Berlin begleiten mussten.
1947
Der ehem. Betrieb G.A. Steinbach firmiert unter der Bezeichnung
"Trikotagen - und Strumpfwerk Wittgensdorf".
Zur Verbesserung der Versorgung der Betriebsangehörigen wurde
gem. Befehl 234 der SMAD ein markenfreies Mittagessen eingeführt
Zur Aufrechterhaltung der Produktion floss jedoch ständig ein Teil der
erzeugten Waren in schwarze Kanäle. So wurden die Steinkohlenwerke
Lugau mit Fertigwaren aus der Produktion versorgt, um im Gegenzug die
notwendigen Kohlelieferungen abzusichern. Der Sachbearbeiter für
Materialbeschaffung fuhr mit Tauschwaren nach Westdeutschland um die
dringend benötigten Maschinennadeln einzuhandeln..
Juli 1948
Nach einem Bericht von Johannes Prügner wurden aktenurkundlich die
vormaligen Betriebe G.A. Steinbach, R. Häberle, Bernhard Röser und
Willy Röser zum Volkseigentum erklärt und bildeten fortan den VEB
Trikotagen- und Strumpfwerk Wittgensdorf.
Weitere Betriebsteile der Konfektion bestanden in Oberlichtenau,
Mittelbach, Chemnitz und Reichenbach. Alle Unternehmensteile
zusammen stellten in den drei Produktionsstufen (Stoffproduktion
Veredlung Konfektion) für ca 2200 Beschäftigte sichere Arbeitsplätze
bereit. In den Wittgensdorfer Produktionsstätten arbeiteten einschließlich
Verwaltung etwa 350 Personen.
Zur Sicherung des Facharbeiternachwuchses wurde auch die schon
1948 eingerichtete Betriebsberufsschule weiter ausgebaut. Ab 1968
übernahm die BBS neben der Ausbildung zum Textilfacharbeiter auch
die Lehre zum „Facharbeiter für Betriebs- Mess- Steuer- und
Regelungstechnik“, kurz BMSR Techniker sowie die
Erwachsenenqualifizierung. Um diese Aufgaben erfüllen zu können,
waren an der Bildungseinrichtung ca 85 Lehrer, Lehrmeister und
technische Kräfte beschäftigt.
Im gleichen Jahr erhielt der VEB Trikotex auch die Trägerschaft über
das Polytechnische Zentrum Wittgensdorf. Damit garantierte er den
Schülern der Polytechnischen Oberschulen (POS) Wittgensdorf,
Auerswalde und Köthensdorf polytechnischen Unterricht auf hohem
Niveau. Dazu wurden Räumlichkeiten der ehemaligen Färberei Ihle in
der Oberen Hauptstraße 112 genutzt (siehe auch Teil 2 unseres Beitrage
im Heft 4/2014 der „Rundschau Wittgensdorf“). Hier befand sich auch
das zum Betrieb gehörende Zentrallager für Zutaten und
beigestelltem Material.
Polytechnisches Zentrum
Quelle: Sammlung Heimatstube ( 2 Fotos)
Lehrlinge waren in 4-Bettzimmern untergebracht und kamen aus dem
gesamten Gebiet der DDR.

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